Game Over Der Soundtrack von Super Mario ertönt und ich bin voll dabei. Darauf fokussiert, die Gumbas nicht zu berühren und schnell ans Ziel zu kommen, sammle ich eine Münze nach der anderen ein. Die Fahne ist schon in Sicht, da setze ich zu einem großen Sprung an und lande auf halber Höhe. Ich habe es geschafft, lebendig und um einige Münzen reicher!

Wäre Corona ein Videospiel wie Super Mario, würde das Wort Game Over wohl nicht mehr die Nachrichten beherrschen. Gegen Gumbas zu kämpfen ist leichter als gegen einen Virus, das wir weder sehen, noch hören können.

Während die Krankenschwestern laufen, Amazon die Münzen einsammelt und viele Menschen ihr Leben verlieren, gibt es immer noch die Spieler, die stur gegen den Feind laufen, als hätten sie unbegrenzt viele Leben. Immer wieder müssen wir Hindernisse nehmen, nicht selten stoßen wir uns daran den Kopf, doch je besser wir die Lage meistern, desto schneller können wir wieder beschleunigen. Wie Super Mario laufen wir mit dem Ziel vor Augen, jedoch ohne ein Ende in Sicht. Wer versucht Münzen zu sammeln, riskiert sein Leben. Wer versucht die Prinzessin zu retten, bringt sich selbst in Gefahr.

Wäre Corona ein seltsam aussehender Pilz namens Gumba, dann würden wir beim Einkaufen Helme tragen, das Ding mit Schwertern bekämpfen und vor allem: zu Hause bleiben. Das Gumba würde sich auf lange Sicht verziehen und die Prinzessin kann gefahrlos gerettet werden!

Ich wache aus meinem Traum aus, in dem ich mit Schwertern gegen das Virus kämpfe. Um meine Augen zu öffnen, bin ich noch zu müde. Das Zimmer ist vom Licht überströmt und vermutlich zeigt der Wecker bereits neun oder zehn Uhr an, doch ich habe heute sowieso nicht viel vor. Ein wenig Hausaufgaben machen, das Zimmer aufräumen und vielleicht noch eine Runde spazieren gehen. Mühsam drehe ich mich auf die andere Seite und versuche mich an meinen Traum zu erinnern um noch einmal einzuschlafen. Ich kuschel mich in das warme Kissen und ziehe die Decke ein Stück höher, doch die ist plötzlich ganz schwer. Ich reiße noch ein wenig fester daran, bis sie mir unvermittelt entgegen springt, als sei der sie beschwerende Ziegelstein herunter gefallen. Irritiert mache ich nun doch meine Augen auf. Was ein Morgen! Vor mir sehe ich nur meine nackten Füße und die gemusterte Bettdecke, doch auf dem Boden scheint sich etwas zu bewegen. Ein großes, braunes Ding, in etwa so groß wie ein Feldhase, springt auf und ab, klammert sich an den Zipfel meiner Decke. Ich schreie! Wie wild springe ich aus dem Bett und bin plötzlich hellwach. Selbst die morgendliche Kälte meines Zimmers macht mir in diesem Moment nicht aus. Ich flüchte mich ins Badezimmer und schaue zur Beruhigung in den Spiegel. Ich sehe ganz normal aus. Mit einer großen Hand voll kaltem Wasser wasche ich mir das Gesicht um sicher zu gehen, dass das gerade alles echt passiert ist und ich nicht nur schlafwandle. Doch was ist das?! Da sitzen kleine, braune Lebewesen auf meinen Handflächen. Ich starre fassungslos meine Hände an, bevor ich einen riesigen Klecks Seife nehme und mir lang und ausgiebig die Hände wasche. Es kribbelt an den Fingerkuppen, als die kleinen Dinger von meiner Hand abfallen. Zwar sind nach einigen Minuten immer noch braune Punkte auf meinen Handflächen zu sehen, aber darum kümmere ich mich später! Jetzt muss ich erst einmal wissen, was da an meiner Decke hängt! Mit vorsichtigen Schritten und meiner Haarbürste in der Hand (so eine Art Ersatz für ein Schwert) betrete ich das Zimmer. Es ist still im Raum, doch ich höre es atmen. Da! Das kleine, braune Ding, das stark nach einem Gumba aus dem Videospiel aussieht! Allerdings ist es runder als ein Pilz und hat komische Stacheln, so wie ein Virus! Oh nein! Das Corona-Virus! Hier, in meinem Bett!

Mit einem großen Satz springe ich aus dem Zimmer und flüchte mich in die Küche. Hier scheint alles sauber zu sein. Kein Wunder. ich habe ja gestern erst meinen Frühjahrsputz beendet. Die Oberflächen sind für die Gumbas wie eine Eisbahn. Mit einer großen Tasse Kaffee stelle ich mich ans Fenster um mir zu überlegen, wie ich jetzt am besten weiter vorgehe, doch auch draußen geht es drunter und drüber. Die Leute laufen wie wild vor den braunen Virus-Dingern davon, die gefährlich auf der Warendorferstraße herum hüpfen. Es wirkt wie in einem schlechten Film. Schnell flüchte ich aus der realen Welt, indem ich mein Handy anschalte und im Internet surfe. Vielleicht stoße ich ja hier auf angenehmere Bilder. ,,97 neue Nachrichten“ zeigt mir das Gerät an. 97 Nachrichten?! Warnungen meiner Freunde ploppen auf. Hunderte Bilder von dem Ding in meinem Schlafzimmer habe ich geschickt bekommen. Alle drehen am Rad aus Angst wegen den komischen Dingern und ich habe mein Bett mit einem von ihnen geteilt. Verdammt! Bin ich jetzt infiziert?

Panisch mache ich mich auf den Weg zu meiner besten Freundin, die zum Glück im gleichen Haus wohnt, doch selbst im Flur bin ich nicht sicher vor dem wandelnden Virus! Geschickt bahne ich mir meinen Weg zu der Wohnungstür. Nur einmal berühre ich das Ding. Es fühlt sich weich an, doch plötzlich tut mein Arm weh. Komisch, damit habe ich das Virus doch gar nicht angefasst! Da sehe ich sie. Die Herzen auf der Innenseite meines Oberarms. Eines verblasst gerade, so dass es nur noch acht sind, die auf meiner Haut schimmern. Verdammt! Habe ich etwa gerade ein Leben verloren? Bevor ich so richtig darüber nachdenken kann, öffnet mir meine beste Freundin Ada die Tür, so dass die hallende Stimme eines Nachrichtensprechers mir entgegen springt. Nicht sie auch noch! Ich kann Corona nicht mehr hören! ,,Schnell! Rein mit dir!“ ruft sie. Ada ist genauso alt wie ich, will später Medizinerin werden und in London ihre eigene Praxis aufmachen. Seit ihrer Geburt muss sie wegen ihrer Blutzuckerkrankheit oft zum Arzt, wahrscheinlich kommt der Wunsch daher. Oh Gott! Die Blutzuckerkrankheit! Schnell schaue ich auf ihren Arm. Sie hat nur zwei Herzen! Mein Unterbewusstsein fällt völlig perplex aus allen Wolken. ,,Halb so wild, komm erst einmal rein“, versucht mich Ada zu beruhigen als sie das Entsetzen in meinen Augen bemerkt. Ihr schmales Lächeln wirkt tatsächlich wie ein Kilo Lavendel und plötzlich fühle ich mich ganz entspannt. So entspannt, dass ich nun auch meinen Tränen freien Lauf lasse. Ich knie in Adas Wohnung auf dem Boden und weine mir die Seele aus. Mit den Händen versuche ich mir die verlaufene Wimperntusche aus dem Gesicht zu reiben, da fallen mir wieder die kleinen braunen Punkte in meiner Handfläche auf. Können die etwa auch Leben kosten? Erschrocken blicke ich Ada an, doch die hat schon zwei von den Punkten in ihrem Gesicht, das ich gerade bei der Begrüßung berührt habe. Das zweite Herz auf ihrem Arm wird ein wenig blasser. Ich muss hier weg, bevor Schlimmeres passiert! Ohne mich zu verabschieden, flüchte ich zurück in meine Wohnung und desinfiziere mich von oben bis unten durch.

Erst jetzt fällt mir auf, wie hungrig ich bin. Da der Kühlschrank wie an jedem Montag leer ist, packe ich meine Schlüssel, das Handy und meinen Geldbeutel in den Einkaufskorb und schnalle ihn auf den Gepäckträger. Oh Gott, wie soll ich bloß heile bis zum Supermarkt kommen? Ein Blick durchs Fenster verrät mir, dass die komischen Wesen noch immer draußen toben. Um wenigstens andere vor meinen kleinen Wesen zu schützen, ziehe ich mir Handschuhe an und setze meine Maske auf. Außerdem trage ich jetzt einen Helm, sicher ist sicher. Mit einem mulmigen Gefühl schiebe ich mein Fahrrad vor die Haustür. Die Sonne scheint mir ins Gesicht, so dass ich meine Augen stark zusammenkneifen muss um noch etwas zu sehen. Eigentlich wäre das ein echt schöner Moment, hüpften da nicht diese Virusdinger vor mir auf und ab. Vier Stück sind es an der Zahl. Zwei sitzen friedlich auf einem Autodach, die anderen beiden springen auf und ab und verscheuchen so die Leute von der Straße. Heilige Scheiße! Meine Kinnlade klappt herunter und ich brauche einen kurzen Moment um das alles zu verarbeiten. Ein lautes Klatschen weckt mich aus meinen Gedanken, als neben mir eine große Ladung Wasser auf dem Autodach landet. Dem Geruch nach zu urteilen ist es mit einem Reinigungsmittel gemischt, welches dafür sorgt, dass sich das Virus in Licht auflöst. Ada lächelt mich von oben aus an. Ich weiß, dass die Aktion von ihr kommt. Sie will mich beschützen.

Mit einem pochenden Herzen trete ich in die Pedalen. Es sind noch gut 800 Meter über den Konrad-Adenauer Ring bis zum Supermarkt und noch hat sich mir kein Virus mehr als zwei Meter genährt. Mein Blick schweift über das Gebüsch rechts und links von mir, bevor ich ihn wieder starr auf die Straße richte. Sei nicht albern! Mein Unterbewusstsein schämt sich für mein lächerliches Verhalten, doch ich kann nicht anders als im Supermarkt erst einmal alles, was ich anfasse, zu desinfizieren. Glücklicherweise finde ich hier nur die kleinen Gumbas, doch die sitzen gefühlt überall. Die Spuckschutzscheibe an der Kasse ist bereits so voll mit den Virus Dingern, dass die Kassiererin kaum noch die Kunden sehen kann. Immer wieder schlagen sich Menschen gegenseitig und versuchen das Virus von den anderen herunter zu holen. Eine kleine Frau ist mir erst vor wenigen Sekunden mit ihrer Hand eifrig durch die Haare gegangen, so dass bestimmt zehn Gumbas heraus fielen. Es wirkt ein bisschen, als wären wir Affen, die sich gegenseitig lausen. Besonders tragisch ist es bei den Menschen, die nur noch ein oder zwei Herzen auf dem Arm tragen. Warum gehen die noch einkaufen? Man kann ihnen noch nicht einmal die Viren abklatschen, denn sonst läuft man Gefahr, ihnen neue zu übertragen, die sie in den Tod bringen.

Darauf bedacht, niemandem zu nahe zu kommen, schiebe ich meinen Einkaufswagen durch die Gänge und packe mir Lebensmittel für die ganze Woche ein. So schnell möchte ich nicht mehr wiederkommen! Als ich mir eine Packung Müsli aussuche, überkommt mich ein zartes Schmunzeln. Auf der Packung der Kinder Cornflakes ist Super Mario zu sehen. Zum Abschluss rase ich durch die Abteilung mit den Drogerieartikeln, doch das Toilettenpapier ist leer. Das hat sich also nicht geändert!

Auf dem nach Hause weg halte ich kurz bei meiner Oma Angela, fahre aber direkt wieder weiter als ich sehe, wie viele Viren vor ihrer Haustür herumlaufen. Ich befürchte, dass allein schon das Öffnen der Tür dazu führen würde, dass sie ein Herz weniger hat. Zusammen gekauert in einer flauschigen Decke verzieht sich mein Unterbewusstsein in eine kleine Ecke. Es hat genauso große Angst wie ich. Nur der Hunger treibt mich nach Hause. Ich mache mir ein Brot und setze mich vor den Fernseher. Keine gute Idee, denn auch hier verfolgen mich die Corona-Meldungen: Truppen, die mehr oder weniger bewaffnet gegen die Gumbas kämpfen; Sie werden Krankenschwestern genannt. Dann noch Donald Trump, der mit dem Virus spielt, als sei es eine Playmobilfigur. Er scheint den Ernst der Lage noch nicht begriffen zu haben. Wahrscheinlich ist er mit Laschet befreundet, der als Rakete alles beschleunigt, was er in die Finger bekommt. Merkel ist ein wenig wie Toad: versucht immer die eigenen Freunde zusammenzuhalten, doch Markus Söder alias Wario macht das zu einer echten Herausforderung.

Ein Sender interessiert mich besonders, also lege ich die Fernbedienung zur Seite und fokussiere mich auf die Dokumentation. Sie zeigt eine Gruppe junger Erwachsener, die gefesselt und von Gumbas bewacht in ihrem Wohnzimmer liegen. Überall tummeln sich die kleinen braunen Lebewesen, auf dem Tisch stehen noch die Bierflaschen und im Hintergrund erkennt man eine große Musikanlage. ,,Elf Personen nach Corona-Party in Gefangenschaft“ vermeldet die Bildunterschrift. Tja, geschieht denen beinahe recht!

Meinen Geburtstag in zwei Wochen kann ich dieses Jahr voll knicken. Was mache ich denn jetzt? Deprimiert von der scheinbar aussichtslosen Situation lege ich mich wieder ins Bett und lese das Buch, das ich schon seit Jahren auf dem kleinen Beistelltisch neben meinem Bett liegen habe, allerdings hatte ich noch nie die Zeit dazu, es anzufangen. Nach gut 240 Seiten klappe ich den Buchdeckel zu. Puh! Lesen kann ganz schön anstrengend sein. Ich schiebe mir eine Pizza in den Ofen und durchwühle meinen Bastelschrank. Zum Glück habe ich noch etwas Farbe vom letzten Renovieren. Während der Käse auf der Pizza langsam verläuft, pinsle ich die grüne Farbe auf die Wand hinter meinem Bett. Ich habe den ganzen Tag lang das Fenster offen stehen gelassen und scheinbar hat es Wirkung gezeigt: Das Gumba ist verschwunden. Als die Wand in einem wunderschön leuchtendem Grün erstrahlt, ist auch die Pizza fertig. Zufrieden setze ich mich an die Frühstückstheke und rufe meinen Onkel Armin an, anstatt den Fernseher anzuschalten. Er hat immer gute Laune, so auch heute. ,,Wie schön von dir zu hören!“ brüllt er freudig in sein Handy und ich muss ein wenig schmunzeln.

Die Zeit vergeht wie im Flug. Nach sieben Tagen in der Gefangenschaft meines Hauses habe ich nicht nur alle meine Blumen umgetopft, die Kochbücher durchgekocht und so gut wie jedes Zimmer renoviert, sondern vor allem auch den Virus besiegt. Er ist weder auf meinen Händen, noch auf der Straße. Die kleinen vereinzelten Gumbas, die noch ihr Unwesen treiben, werden von meiner Nachbarin und guten Freundin Ada regelmäßig mit Reinigungsmitteln überschüttet. Nach zwei Wochen dann verkündet mir der Fernseher die Erlösung: Der Virus ist besiegt! Die Gumbas konnten sich nicht mehr fortpflanzen und die Art ist ausgestorben. Ungläubig starre ich den Fernseher an und spüre, wie mein Arm ganz heiß wird. Die Herzen vereinen sich zu einem großen, pochenden Herzen. Es wirkt wie ein dreidimensionales Tattoo. Freudestrahlend renne ich zu Ada, die anscheinend die gleiche Idee hatte und so stoßen wir im Flur, der vor kurzem noch mit Gumbas besiedelt war, ineinander. Lachend taumeln wir zu Boden. Wie ich diese Zeit vermisst habe! Ich nehme ihre Hand, wir strecken uns aus und erreichen das obere Ende der Fahne. Jackpot!