Kreis Warendorf/Kreis Gütersloh. „Fast habt ihr’s. Noch einen Zehntelmillimeter höher.“ Wilfried Thorwesten (Stromberg) nimmt die Soprane hart ran. Ihr Ton soll „glasklar und engelrein“ klingen. Gar nicht so einfach bei der Höhe und dem schwierigen Intervall.
Aber der erfahrene Dirigent weiß die Frauen zu begeistern und zu motivieren. „Mit Mut und einem Lächeln im Gesicht“ klappt‘s schließlich. Chor und Instrument sind übereinander. Thorwestens Lob folgt auf dem Fuß: „Super, klasse“.
Der frisch pensionierte Lehrer und Musiker hat alle vier Wochen samstagsnachmittags im Mallinckrodthaus in Stromberg aber nicht nur rund 30 Sopran-, sondern ebenso viele Altstimmen sowie 20 Bässe und 18 Tenöre vor sich sitzen. Die zwischen 18 und 73 Jahre alten Frauen und Männer aus den Kreisen Warendorf und Gütersloh treffen sich, um als Projektchor des Sängerkreises Emsland das oratorische Werk „The Peacemakers“ des Briten Karl Jenkins (Jahrgang 1944) einzustudieren – eine wohlklingende und vielschichtige Hommage an den Frieden.
„Wir haben auf eine so große Beteiligung auf unseren Aufruf gehofft, waren uns aber nicht sicher, ob es klappen würde“, ist Thorwesten mit seiner starken und vor allem ausgewogenen Truppe sehr zufrieden. Der Stromberger stemmt das ambitionierte Vorhaben nicht allein, sondern teilt sich die Arbeit mit dem ebenfalls sehr erfahrenen Chorleiter Heinz Braunsmann (Sendenhorst). Beide bilden zusammen auch den Musikausschuss des Sängerkreises.
Die erste Probe fand am 13. Oktober 2018 statt. Wann die letzte sein wird, ist noch offen. Vermutlich im Herbst 2020. „Momentan planen wir für Anfang November nächsten Jahres drei Aufführungen an verschiedenen Orten im Sängerkreis“, sagt Heinz Braunsmann. In Stein gemeißelt ist noch nichts. Auch die Töne noch nicht. Am Ende sollen 16 Stücke perfekt sitzen und klingen. Und das ist angesichts der von Jenkins komponierten Musik „gar nicht so einfach“, weiß Braunsmann. Wenn Friedensboten wie Mahatma Gandhi, Nelson Mandela, Mutter Teresa und Albert Schweitzer musikalisch zu Wort kommen, setzt der Komponist nicht allein auf wohlklingende Harmonien, sondern oft auch auf prägende Dissonanzen. Beide Chorleiter wissen daher um die Herausforderung für die Sängerinnen und Sänger. „Das ist gemein. Was sich Jenkins dabei gedacht hat, weiß ich auch nicht“, gibt Thorwesten offen zu, als die Tenöre verzweifelt immer wieder einen verzwickten Takt probieren. „Freundlich gucken und raus damit“, animiert der Chorleiter die Männer und unterstützt sie am Keyboard. Er ist sich sicher: „Im Lauf der Zeit werden wir die Dissonanzen lieben lernen.“

Getrennte Proben

Peace, Mir, Heping, Paz, Paix, Heiwa, Shanti, Schlamah, Selam, Irini, Shalom – aus dem Wort „Frieden“ in mehr als 20 Sprachen besteht das zweite, „Fanfara“ überschriebene „Peacemakers“-Lied. Das heißt für den Projektchor aufgepasst – denn zusätzlich zu den Tönen muss Aussprache geübt werden. Heinz Braunsmann ist geduldig, wenn er im ersten Teil der Chorprobe mit den Männern separat im klangvollen Andachtsraum der Kreuzkirche das walisische „Heddwch“ oder das niederländische „Vrede“ übt. „Das muss im ersten Anlauf nicht perfekt sein, aber Spaß machen“, so der Chorleiter. Auch er weiß, wie er den Tenören und Bässen die richtigen Töne beibringt – konzentriert, zielgerichtet, mit Freude im Gesicht und einem Scherz auf den Lippen. Was allein als Männerchor gut klingt, muss – nach der unverzichtbaren Kaffeepause mit selbstgebackenem Kuchen – beim gemeinsamen Singen mit den Frauen allerdings nicht auf Anhieb klappen.
Aber Thorwesten und Braunsmann lassen sich nicht aus der Ruhe bringen, auch wenn mal an den falschen Stellen geatmet wird und nicht gewollte Brüche im Melodiebogen entstehen. Zur Not geht es eben dreimal hintereinander über die gleiche Stelle – bis der letzte Zehntelmillimeter rausgeholt ist.

 

Zitate

„Auch wenn ich schon 57 Jahre in vielen Chören gesungen habe, reizt ein solcher Projektchor doch in besonderem Maß.“
Gisela Nethe, 71, Beckum

„Ich höre gern Musik und habe immer mal zwischendurch auch gesungen. Über den Gospelchor Stromberg habe ich von „Peacemakers“ gehört. Es ist eine große Herausforderung, über die lange Probenzeit durchzuhalten. Aber es macht viel Spaß.“
Irmgard Venker, 55, Batenhorst

„Obwohl ich schon sehr lange singe, ist das mein erster Projektchor. Das ist der besondere Reiz. Und überhaupt: Thorwesten ist der Beste.“
Edmund Busche, 64, Langenberg

„Es ist total cool, in so einem großen Chor mitzusingen. Über unseren Schulchor habe ich davon erfahren.“
Lara Niermann, 18, Ahlen

„Die Musik von Jenkins kannte ich vorher nicht. Das Projekt hörte sich interessant an und jetzt genieße ich es.“
Philipp Heuer, 18, Dolberg

Impressionen von der Probe

Wilfried Thorwesten und Heinz Braunsmann (v.l.) mit dem Chor im Mallinckrodthaus in Stromberg

Mit Aufwärmübungen für den Körper und die Stimme beginnen die samstäglichen Proben des Projektchors des Sängerkreises Emsland

Volle Konzentration ist bei den Sopranen gefragt, denn die Kompositionen von Karl Jenkins haben es in sich

Ohne Kaffeepause mit selbstgebackenem Kuchen geht es nicht

Die Männer üben in der ersten Hälfte der Chorprobe separat mit Heinz Braunsmann im Andachtsraum der Stromberger Kreuzkirche

Als „Friedensstifter“ auf dem Weg: Rund 100 Sängerinnen und Sänger aus den Kreisen Gütersloh und Warendorf studieren seit Oktober alle vier Wochen im Mallinckrodthaus in Stromberg das oratorische Werk „The Peacemakers“ von Karl Jenkins ein

Mit viel Herzblut sind sowohl die Sänger als auch die Chorleiter dabei

Dieser Artikel von Martin Neitemeier erschien zuerst in der Osterausgabe 2019 der „Glocke“.